„Geht es ihnen gut oder haben Sie ein Kind am Gymnasium?“ Mit dieser provokanten Frage hat Professor Ludwig Haag, Leiter des Lehrstuhls Schulpädagogik der Universität Bayreuth, seinen Vortrag an der Freien Montessori-Volksschule Berg eröffnet. Volle Hörsäle ist Haag in seinen Vorlesungen durchaus gewöhnt. Ein volles Schulhaus mit interessierten Eltern, Schülern und Lehrern, die sich zum pädagogischen Fachvortrag „Selbstgesteuertes Lernen“  in der Aula eingefunden haben, dürfte auch für ihn keine alltägliches Situation sein.

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Schulleiter Stephan Ludl hatte die "Montessori-Familie“ in bekannten „Wohlfühlambiente“ zuvor willkommen geheißen und sich gefreut, dass Ludwig Haag, seine wissenschaftliche Mitarbeiterin und Schulrat Werner Löffler gekommen waren. In seinen Grußworten führte Werner Löffler auf das Thema hin und betonte die Notwendigkeit jedes einzelnen Schülers, um Lernerfolge zu erzielen.  

 

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Professor Haag ging auf die Aussortierung im Bayerischen Schulsystem nach der vierten Jahrgangsstufe ein. Diese sei so gründlich gewesen, dass es zwischen einem guten Hauptschüler und einem schlechten Gymnasiasten keinerlei Unterschied gäbe. Er sei froh, jetzt von Mittelschulen reden zu dürfen und richtete den Focus seiner Zuhörerschaft auf die stiefmütterliche behandelte Möglichkeit des zweiten Bildungsweges im bayerischen Schulsystem. Die Durchlässigkeit von der Hauptschule zur Universität im Bayerischen Bildungssystem ermögliche jedem Schüler seine Potenziale im Laufe der Zeit zu entdecken und auszuschöpfen. 

 

Eine zentrale Rolle zur optimalen Förderung der Kinder komme demnach dem Pädagogen zu, dessen Ziel die Lernbegleitung seiner Schüler ist. Bereit für das Lernen kann nur das Kind selbst sein. Die Hauptaufgabe des Lehrers besteht laut Haag darin, die Schüler zum Selbstarbeiten anzuregen und passende Aufgaben für die Kinder vorzubereiten oder selbst finden zu lassen. Ein Kind, das nicht will, hat eine Grenze, die es zu akzeptieren gilt. Eine „Gottschalkisierung“, in der der Lehrer als „Bildungsanimateur“ agiert,  sei nicht von dauerhaftem Erfolg gekrönt, so Haag. "Das Kind selbst muss wollen. Ohne geht es nicht!", betonte der Experte.

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Neben der „intrinsischen Motivation“ gelten „Zeitmanagement“, „Strukturierung“ und die „Vorbildrolle der Eltern“ als elementare Bausteine für das Gesamtkonstrukt Bildung und Lernerfolg. Den Nerv vieler Eltern traf Professor  Haag mit der Aussage: „Wir haben eine Lebenserwartung von über 80 Jahren! – Wenn ein Kind ein Jahr mehr oder weniger zur Schule geht…was machen wir da für einen Stress!?“

 

 

„Stress“ war auch ein zentrales Thema in der anschließenden Podiumsdiskussion, die  interessierten Eltern die Möglichkeit gab, gemeinsam mit Professor Haag die bildungspolitische Situation vor dem Hintergrund wissenschaftlicher Erkenntnisse zu diskutieren.

Eine lebhafte Diskussion

Auf dem Podium saßen Julius Hopf (Schülersprecher der Freien Montessori-Volksschule Berg), Professor Ludwig Haag,  Barbara Schiller-Leucht (Elternbeiratsvorsitzende Sekundarstufe) und Karin Weser (Stellvertretende Schulleitung, Hochbegabtenpädagogin). Hier ein Auszug aus der regen Diskussion, die sich dabei entwickelte. 

 

 

  • Sollte die Gesellschaft nicht umdenken, wenn die Frage nicht nur lautet, ob das Kind auf dem Gymnasium ist, sondern sogar schon entscheidend ist, auf welches Gymnasium es denn gehe?

Die Voraussetzungen seinen heute anders. Eltern seinn noch nie so klug und gut aufgeklärt wie heute gewesen. Man kann nicht mehr nur nach unten fallen, sondern eben auch den umgekehrten Weg von der der Hauptschule zur Universität gehen. Ausschlaggebend seien für die Wirtschaft bereits jetzt Kompetenzen und nicht mehr Abschlüsse, führte der Professor aus. Aber auch an Universitäten werden sich in Zukunft nicht mehr alleine auf das Abitur verlassen, wenn es in machen Bundesländern eine Abiturquote von 40 Prozent gibt und damit die Zugangsberechtigung zur Universität erteilt wird. 

 

  • „Muss man sich diesen Stress antun?“

 

Wenn junge Menschen nach zwölf oder mehr Schuljahren ein Sabbatjahr brauchen, müsse in unserem Schulsystem etwas Grundlegendes falsch sein. Über Jahre hinweg sei den Schülern durch Hausaufgaben, Stundenplan und vieles mehr von Lehrern alles vorgegeben worden. "Dabei findet das Leben draußen statt!", sagte Haag. Durch dieses ständige Vorstrukturieren des Alltags vergessen die Schüler oft  das eigenständige Denken. Nicht umsonst sieht Haag den zweiten Bildungsweg und das duale Ausbildungssystem als Erfolgsgeschichte bayerischer Bildungspolitik.

 

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Nach der sehr interessanten Diskussion um Bildungswege und Kompetenzen war man sich einig, dass die Schule nicht nur vor neuen Herausforderungen steht, sondern neue Wege beschritten werden müssen, um den Anforderungen der veränderten Welt gerecht werden zu können.  Schulleiter Ludl bedankte sich bei Professor Haag für den Vortrag, der den Eltern neue Wege und Möglichkeiten aufzeigte und das pädagogische Team der Freien Montessori-Volksschule Berg in seinem reformpädagogischen Unterrichten bestärkte.

 

Lesen Sie dazu auch unser Interview mit Professor Haag >>>

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